2007 Neue Zürcher Zeitung

2007 Monteverdi - Marienvesper

 

Wenn ein Chor sich im dritten Jahr seines Bestehens an ein Werk vom enzyklopädischen Format der Marienvesper Claudio Monteverdis heranwagt, dann zeugt das zumindest von gesundem Selbstvertrauen. Denn das 1610 Papst Paul V. gewidmete Werke vereinigt in geradezu avantgardistischer Art die Errungenschaften abendländischer Musik an der Schwelle zum Frühbarock: die kunstvolle Polyfonie der Renaissance, überlagert von der affektgeladenen Tonsprache der Monodie. Ganz zu schweigen von den durchaus heiklen musikologischen Entscheidungen, die vor jeder Aufführung zu fällen sind, von der Frage der Werkform, der Besetzung und Instrumentierung. Die gestalterische Souveränität, mit der Ulrike Grosch und ihr Collegium Vocale zu Franziskanern Luzern zusammen mit dem Instrumentalensemble Capriccio Basel zu Werke ging, liess allfällig gehegte Zweifel im Nu verfliegen. Da war von Beginn weg eine tiefe Vertrautheit mit dieser Musik zu spüren, die einen gleichermassen ernsthaften wie lustvollen Zugriff auf das vielgliedrige Werk ermöglichte.

Verheissungsvoll war bereits der Beginn mit dem vom Chor strahlend intonierten «Gloria» und dem sprechend artikulierten «Dixit Dominus». Voll glühender Leidenschaft dann das «Nigra sum», das Michael Feyfar über ruhigem Continuo vortrug. Schnörkellos und schlank geriet das bezaubernde «Pulchra es amica mea»-Duett der beiden Frauenstimmen (Dorothea Frey, Kerstin Steube). Der in unterschiedlicher Formierung agierende Chor sang bis hin zum abschliessenden «Magnificat» klangvoll und transparent und wusste die schwierige Akustik des Fraumünsters hervorragend zu nutzen, aufmerksam geleitet von seiner Dirigentin, die in dem Werk einen fruchtbaren Ausgleich zwischen ätherischer Getragenheit und weltlicher Leidenschaft fand. Derweil auf instrumentaler Seite mit viel Können und gestalterischer Phantasie ein Ensemble am Wirken war, das dem Gesang auf Originalinstrumenten, auf darmbesaiteten Streichern, auf Zinken, Blockflöten, Posaunen, Orgel, Dulzian und zwei Chitarronen ein leuchtend farbiges Fundament legte.

Zürich, Fraumünster, 18. November.