2010 Zentralschweiz am Sonntag

2010 Sacred & Profane

 

Erfolg für neue Chor-Generation

Besondere Premiere im KKL: Junge Luzerner Chöre traten gestern unbegleitet im KKL auf. Und sorgten nach dem Barockkonzert vom Karfreitag für eine Überraschung.

Von Urs Mattenberger

Die grossen Osterkonzerte finden in Luzern inzwischen nicht in Kirchen, sondern im KKL statt. Und dass hier Besonderes gefragt und geboten wird, zeigten die Konzerte von Karfreitag und Samstag: Mit Programmen, für die der Konzertsaal (konzipiert für grosse Sinfoniekonzerte) ursprünglich gar nicht gedacht war.

So trat am Freitag das Barock-Ensemble La Risonanza mit Monteverdis Marienvesper auf, die auf die Raumgegebenheiten einer Kirche zugeschnitten ist. Und gestern traten erstmals im KKL Laienchöre ganz ohne Instrumentalbegleitung auf: Das Collegium Vocale zu Franziskanern und der Chor Molto Cantabile wagten das mit einem Programm, das ausschliesslich Raritäten aus dem 20. Jahrhundert umfasste.

Raritäten und junges Publikum

Wer da einen halb leeren Konzertsaal erwartet hatte, irrte sich gewaltig: Parterre und die ersten beiden Ränge waren mit 1200 Besuchern praktisch voll. Dass Chöre ein breites Publikum für Klassikkonzerte mobilisieren können, funktioniert offenbar auch bei 20- bis 30-Jährigen. So war das Publikum grösstenteils so jung wie die Mitwirkenden in beiden Chören, die sich aus Musikstudenten zusammensetzen (Collegium Vocale) oder aus Jugendchören herausgewachsen sind (Molto Cantabile).

Die Wiedergaben demonstrierten eindrücklich, was im KKL möglich ist, wenn sich diese neue Generation von Laien-Qualitätschören verbindet. In Mahlers «Ich bin der Welt abhanden gekommen» gab die Konzertsaal-Akustik den fein verästelten Stimmen die nötige Klarheit und Präsenz - nach Schnittkes flächigerem «Konzert für Chor» der Höhepunkt des ersten Teils (Leitung Andreas Felber). Im zweiten Teil (Leitung Ulrike Grosch) entwickelte Richard Strauss' «Deutsche Motette» über solche Qualitäten hinaus auch die durchdringende Strahl- und Klangkraft, die den Saal problemlos füllte.

Höhepunkt war hier allerdings Schönbergs zerrissene Bitte um «Friede auf Erden». In einem Programm, das sich in vielsträhnigen Stimmgeweben etwas zu verlaufen drohte, zeigten die scharfen Konturen dieses Werks, über welch gestalterische Bandbreite die Ensembles verfügen. Das galt auch für Regers «0 Tod, wie bitter bist du», in dem sich unerbittlich gemeisselte Bitterkeit in gelöst strömenden Wohlklang auflöste: Programmatisch das Herzstück dieses «Zwischenwelten»-Programms am Karsamstag, dem Tag zwischen Tod und Auferstehung.

Zweierlei Zwischenwelten

Das Konzert belegte in der Akustik des Konzertsaals nicht nur, dass beide Ensembles zur Luzerner Chorspitze zählen - und welches Niveau diese heute erreicht hat. Es enthüllte überraschenderweise auch, dass sich der Saal für A-capella-Chormusik besser eignet als für manche Barockmusik, wie sie hier regelmässig erklingt.

So hatte tags zuvor das vorzügliche Risonanza-Ensemble zwar mit zehn Sängern den Saal problemlos mit leidenschaftlich-ekstatischer Erregung erfüllt. Aber wo es die besinnlichen Momente der «Marienvesper» durch äusserste Reduktion auf Stimme und Orgel betonte, vermisste man doch die Dimensionen eines Kirchenraums. Das verstärkte der akustisch problematische Versuch, die räumliche Verteilung der Klanggruppen auf der Bühne zu simulieren. Spannend an geistlichen Programmen im KKL ist eben immer auch, dass sie hier eine Art Zwischenwelt bleiben.