2011 S&P Neue Luzerner Zeitung

2011 Sared & Profane

 

Ein Chor wie ein Harmonium

Das Luzerner Collegium Vocale wird am Chorfestival Aachen auftreten. Am Sonntag probte der Chor den Ernstfall.

Unmerklichen Flügelschlägen gleich verdichten sich die Schwingungen zu Klang. Ein aus dem Nichts emporsteigendes Glockenspiel erschafft milde Farbtupfer im stillen Raum. Es ist ein Spiel mit der Magie, ein manchmal fast unwirkliches Flimmerbild, das der Luzerner Chor Collegium Vocale zu Franziskanern während seines sonntäglichen Nachmittagskonzertes in den Marianischen Saal in Luzern zeichnet. Grund des Konzertes ist eine Einladung des Collegium Vocale an die Chorbiennale in Aachen, die zu den hochkarätigsten Festivals ihrer Art zählt. In Luzern fand also gleichsam die Generalprobe statt. Das Programm des Nachmittages ist, abgesehen vom ersten Stück "Le Printemps" von Claude Le Jeune, vollständig auf England ausgerichtet. Denn einerseits ist das Festivalmotto "Orpheus Britannicus" - eine Anspielung auf einen Liedzyklus von Henry Purcell-, und andererseits wird das Chorwesen bis heute durch Komponisten und Chöre der Insel geprägt. ...

Rein und leicht

Das Collegium Vocale wird am Festival mit Sicherheit eine gute Figur machen. Die Leichtigkeit, mit der die Sänger Vaughen Williams "Three Skakespeare Songs" gestalten, erinnert phasenweise mehr an ein präzises Harmonium denn an ein Gesangsensemble. Der Klang präsentiert sich austariert und voll. Die schwierig zu intonierenden, oft polyphonen Stücke erklingen rein und leicht. Die Farbgebung ist, abgesehen von teilweise harten Spitzennoten in den Frauenstimmen, warm und rund. Selbst im Pianissimo verliert der Chor nichts an seiner Strahlkraft, und das An- und Abschwellen im 9-stimmigen "The cloud-capp'd towers" (Williams) ist kompakt, aber gleichwohl lebendig und variantenreich.

Hervorragend auch das von Sven-David Sandström (*1942) zu Ende geführte "Hear my Prayer" (Henry Purcell), wo aus dem barocken Gebetsstück immer mehr ein modernes, atonales Zeitbildnis entsteht. Dem Chor gelingt es, diesen musikalischen Weg plastisch greifbar zu machen. Neben dem hohen Niveau der Sängerinnen und Sänger trägt natürlich die Dirigentin und Gründerin Ulrike Grosch Wesentliches zu diesem erfolgreichen Nachmittag bei.

Anspruchsvolles Schlusswerk

Die vor allem an der Luzerner Musikhochschule (Chorleitung) und in Holland (Amsterdam Baroque Choir) tätige Musikerin entwickelt die Stücke aus ihrer inneren Musikalität heraus. Nichts wirkt aufgesetzt. Technik und Interpretation gehen eine natürliche Verbindung ein. Auch komplexere Abschnitte, wie im anspruchsvollen Schlusswerk des Abends, wo der Chor intonationsmässig an seine Grenzen gelangt, werden mit packender Musikalität gezeichnet. Fazit: Der Nachmittag bot ein A-capella-Vergnügen der Spitzenklasse, und der erst 6-jährige Chor ist eine klare Bereicherung der ohnehin nicht armen Luzerner Musikszene.

Roman Kühne