2011 Neue Luzerner Zeitung

2011 Schütz und Bach

 

Die wilde Meute jagt die Gläubigen

Das Collegium Vocale Luzern machte barocke Klangrede lebendig. Und bestätigte seine Festival-Tauglichkeit.

Seit die Dirigentin Ulrike Grosch im Gespräch mit unserer Zeitung die Idee eines internationalen Chor-Festivals in Luzern lanciert hat, verfolgt man die Konzerte ihres eigenen Chors, des Collegium Vocale zu Franziskanern, mit doppeltem Interesse. Bisher war der aus Absolventen und Abgängern von Schweizer Musikhochchulen zusammengesetzte Chor durch eigenwillige Programme wie durch sein hohes Niveau aufgefallen. Jetzt trat er mit einem auf den ersten Blick konventionell anmutenden Programm mit Werken von Heinrich Schütz und Bach auf.

Kollektiv und Individuum

Die erste Aufführung am Samstag in der Franziskanerkirche Luzern bestätigte, dass man auch damit spannende Programme machen kann. Zu einen, weil es momentan Ausnahmecharakter hat, ein Chorkonzert mit ausschliesslich Musik des Barock zu machen. Zum andern, weil die Gegenüberstellung von Früh- und Spätwerken von Schütz mit einer Bach-Kantate die Entwicklung der barocken Klangrede farbig vor Augen führte.

Das begann mit Archaismen in Schütz' früher Psalmvertonung «Wie lieblich sind deine Wohnungen», wenn zu Beginn Akkorde ohne vertrauten harmonischen Zusammenhang aneinandergefügt werden und das Glaubensbekenntnis zeitlos-modern ins Unerhörte hinaufschrauben. Und das setzte sich fort in Psalmvertonungen aus Schütz' «Schwanengesang», wo die Wechsel zwischen solistischen und chorischen Passagen auch den Konflikt zwischen Kollektiv und Individueller Gläubigkeit drastisch in Szene setzten: Wo die Meute in stosshaften Rhythmuswechseln und entfesselten Bewegungsketten den Gläubigen jagt, hatte das bereits die Bildkraft von Bach-Chören, der die kathedralenartig ausgreifenden Chorgesänge umso wirkungsvoller die «Stärke» im Glauben gegenübersetzten.

Das Ereignis war aber die Art, wie der Chor all das umsetzte: Mit einem beweglich-leichten und doch kraftvoll-kernigen Klang, der die Linien dynamisch plastisch modellierte und in den majestätischen Höhepunkten zu hymnischer Strahlkraft aufblühte. Voraussetzungen dafür waren eine lupenreine Intonation und die Ausgeglichenheit durch alle Register, die den Spitzenrang des Ensembles bestätigte.

Warten auf einen Klassiker

Das galt auch für die chorische Leistung in Bachs federnd dargebotenen Kantate «Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit». Dafür, dass sich hier die unausgeglichene Besetzung der Solo-Arien nicht immer auf dem selben Niveau bewegte, entschädigte die betörende instrumentale Begleitung durch Blockflöten (Pius Strassmann und Sander Kunz), Gamben und Continuo. Insgesamt einmal mehr ein Festival-würdiger Auftritt, nach dem man sich umso mehr wünschte, diesen Chor einmal mit einem Repertoire-Klassiker zu hören. Das bestätigte der Applaus des Publikums, das die Franziskanerkirche selbst mit diesem weitgehend aus Raritäten bestehenden Programm praktisch füllte.

Urs Mattenberger