2012 Neue Luzerner Zeitung

2012 Lagrime d'Amante

 

Da erhält der Tod ein Gesicht

Doppelte Novemberstimmung in der Franziskanerkirche: Das Collegium Vocale machte das Requiem-Thema zur Privatsache.

Requiem-Vertonungen haben im November nicht nur wegen Allerheiligen Hochkonjunktur. Auch der melancholische Nebelherbst liefert dazu einen passenden säkularen Stimmungshintergrund. Das aktuelle Konzert des Collegium Vocale zu Franziskanern machte am Samstag in der Franziskanerkirche quasi diesen Doppelcharakter zum Programm.

Im Zentrum stand zwar die Vertonung der Totenmesse von Ildebrando Pizzetti. Aber die übrigen Werke verlegten das Trauern zunehmend ins Private. Schon Monteverdis "Lagrime d'Amante" erinnert nicht mehr abstrakt an den Tod, sondern konkret an eine Verstorbene. In den Orgel-Zwischenspielen von Elisabeth Zawadke bekamen das Abschiednehmen und die Tote schliesslich ein vertrautes Gesicht: in Choralvorspielen, die Brahms nach dem Tod Clara Schumanns schrieb. Das schlug den Bogen zurück zur Intimität zu Beginn: John Dowlands "Flow, My Tears", das - vorgetragen nur von einer Stimme und Laute - dieses Chorkonzert mit einer quasi privaten Andacht eröffnete.

Das Licht im Dunkeln als Leitmotiv

Einmal mehr bestätigte sich damit, wie der von Ulrike Grosch geleitete Chor seit 2005 neue Akzente setzt. Zum einen durch solche handverlesenen thematischen Programme. Zum anderen durch eine Qualität, die das Ensemble in Luzern mit an die Spitze der jüngeren Generation von Chören setzt. Deren Markenzeichen, wozu ein lupenreines, durch alle Stimmregister ausgeglichenes Klangbild in massvoller Besetzung gehört, verband auch hier ideal Transparenz mit überraschender Klangfülle.

Letztere allerdings förderte schon in Monteverdies Klagegesang nicht kernige Klangrede, sondern klangmalerische Wirkung. Das galt im Schlussteil schon für die erregt hin- und herfliegenden Rufe des Trauernden nach der Geliebten, die sich zur bewegten Raummusik steigerte. Und die Verdunklung des Vokalklangs, wo das Licht des Lebens - hervorbrechend aus den Sopranen - vergeblich auf den kalten (Grab-) Stein fällt, gab das klangliche Leitmotiv für den ganzen Abend vor.

Denn mit ähnlichen Hell-dunkel-Kontrasten deutet der Italiener Pizzetti die Totenmesse aus. Allein schon die dicht fliessende Requiem-Eröffnung war eine Entdeckung. Und der farbige Wechsel zwischen den vielfältig aufgefächerten Stimmgruppen führte demonstrativ vor, dass dieser zu einem Grossteil aus Schweizer Musikstudenten gebildete Chor in allen Stimmen über erlesene Farben verfügt - mit Strahlkraft, die den Chorklang von den Sopranen bis zu den Tenören durchdringt und sich über sonoren Bässen wunderbar weicht und doch klar entfaltet. Kam noch die Vitalität und Präzision hinzu wo der mit alter Musik vertaute Pizzetti nach der Dies-Irae-Düsternis das Licht im Sanctus und im "Libera me" rhythmisch züngeln und schliesslich als "Ewiges Licht" magisch leuchten lässt.

Neben solcher fast romantischer Klangmagie nahmen sich die Orgelzwischenspiele etwas asketisch aus. Elisabeth Zawadke verdeutlichte stärker stilistische Unterschiede, indem sie einer Pavane von Byrd und Bachs G-Moll-Präludium als virtuosen Höhepunkt eine barock-deutliche Farbigkeit und Artikulation gab. In Brahms' Choralvorspielen dagegen hielten sich die Abgrenzung der Klangebenen und ihrer Verwebungen gleichsam in der Schwebe. Als vertracktes Sinnbild für die Unfassbarkeit von Tod und Trauer war das ein starker Kontrapunkt zur direkten Bildkraft von Pizzettis Requiem.

Urs Mattenberger