2013 Neue Luzerner Zeitung

2013 Mozart Requiem im KKL

 

Requiem von monumentaler Wucht

KKL Das Collegium Vocale zu Franziskanern und der Grex Vocalis Oslo boten an Allerheiligen ein spezielles Konzert: Dieses stellte Bachs Glaubensgewissheit der aufgewühlten Dramatik Mozarts gegenüber.

Von Fritz Schaub

Ein solcher Titel in Bezug auf Mozarts Requiem mag überraschen, und doch dachte man nach dem Dies irae unvermittelt an Giuseppe Verdi, der in seinem Requiem wie kein anderer die Apokalypse des Jüngsten Gerichts beschworen hat. Mozart als Vorläufer des Italieners? So abwegig ist das nicht. Beide waren grosse Operndramatiker. Dass in Mozarts allerletztem Werk viel von «Don Giovanni» und dem d-Moll-Klavierkonzert verborgen ist, ist offensichtlich, nur wurde es bisher selten auch so hörbar wie im Konzert des Collegium Vocale zu Franziskanern und des Grex Vocalis Oslo. Dass auch viel von der «Zauberflöte» (und der Freimaurer-Musik) in die Totenmesse Eingang gefunden hat, fiel gleichfalls auf und leuchtet insofern ein, als Mozart die Komposition des Requiems zu Gunsten der «Zauberflöte» unterbrach. Hier liegt auch ein Grund dafür, weshalb es unvollendet blieb.

Süssmayr-Fassung bevorzugt

Die Entstehung und der fragmentarische Zustand haben bis heute zu reden gegeben. Dabei ist die romantisch verbrämte Entstehungsgeschichte schon vor über einem halben Jahrhundert vom Mozart-Forscher Alfred Einstein widerlegt worden mit dem Ergebnis: Auch das Requiem war eine ganz normale Auftragsarbeit, die der Auftraggeber honorierte, weil sie von Franz Xaver Süssmayr vollendet wurde. Ulrike Grosch gab dieser Fassung den zahlreichen neuen Fassungen des Requiems gegenüber den Vorrang, «weil sie von einem Komponisten stammt, der Mozart nahe stand». Auch wenn die letzten Sätze Sanctus, Benedictus und Agnus Dei, die bei Mozart ganz fehlen, nicht die Qualität jener erreichen, die von Mozart wirklich ausgeführt wurden oder mindestens in Ansätzen vorhanden waren, bildet die Süssmayr-Fassung doch ein abgeschlossenes Ganzes, nicht zuletzt weil Süssmayr für den Schlusssatz auf den Anfang zurückgriff. Ausschlaggebend ist so oder so die Ausführung, und diese erreichte ein Niveau, das neue Massstäbe setzt in der lokalen Chorlandschaft.

Dramatisches Element gefördert

Das Requiem begann ganz ruhig mit dem d-Moll-Takt, wobei die Bläser (Bassetthorn und Fagott) des auf historischen Instrumenten spielenden Barockorchesters Capriccio (Konzertmeister: Dominik Kiefer) dunkle, aber irgendwie tröstende Farben lieferten und innerhalb der Streicher durch ihre Präsenz (Posaune!) auffielen. Anders als vor einem Jahr bei der Requiem-Wiedergabe unter Claudio Abbado im Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals führte die Aufführung nicht primär ins Stille und Geheimnisvolle, sondern stachelte im Gegenteil das dramatische Element an. Dies wurde umso deutlicher, als die Chöre und das Orchester vor der Pause nach der Sinfonia (aus der Kantate «Wir müssen durch viel Trübsal») die integrale Bach-Kantate «Ich will den Kreuzstab gerne tragen» auffallend gedehnt und stoischruhig vortrugen. Schon hier gefiel der rund 80köpfige Chor, der zusammen mit dem norwegischen Kammerchor Grex Vocalis Oslo (Einstudierung: Carl Hgset) gleich viele Frauen- wie Männerstimmen aufwies, durch seine Ausgeglichenheit und Intonationsreinheit.

Majestät und Klangpracht

Eindrücklich, wie sich Chor und Orchester beim Hauptwerk im Dies irae steigerten und die Klänge mit einer an Verdi gemahnenden erbarmungslosen Gewalt niederprasselten, wobei gerade hier die Pauke mit Holzschlegeln den Effekt besonders markant steigerte. Zu geradezu monumentaler Wucht und majestätischer Grösse erwuchs das «Rex tremendae». Wobei: Diese Majestät und Klangpracht wurde gerade nicht durch eine grosse Besetzung erzielt, sondern durch eine optimale Konzentration und Homogenität und eine entschlackte Klanggebung und war in der hervorragenden KKL-Akustik wie in Stein gemeisselt. In den unverschleierten grossen Chorfugen brachte die Dirigentin immer wieder ein einzelnes Register zur Entfaltung, um handkehrum das Ganze auszubalancieren. Ausgezeichnet harmonierte der vielfach bewährte Bassbariton Klaus Mertens, der schon in der Bach-Kantate Solist war, mit den wesentlich jüngeren Mitsolisten Regula Mühlemann (Sopran), Anja Powischer (Alt) und Jan Petryka (Tenor). Auch sie liessen sich von der fordernden Dirigierweise inspirieren, ohne im Quartett das innere Gleichgewicht zu gefährden.

Das Barockorchester Capriccio Basel und die Chöre musizierten im KKL unter der Leitung von Ulrike Grosch.

Bild Roger Grütter