2017 Lucerne Osterfestival

Starke Emotionen in vorösterlicher Zeit

 

 

Das Collegium Vocale trat in der Franziskanerkirche mit dem Capricornus Consort Basel auf.

Bild: Priska Ketterer/Lucerne Festival (2. April 2017)


OSTER-FESTIVAL ⋅ Chorkonzerte stehen in diesen Tagen im Zentrum der Konzertwoche.
Dabei werden musikalische Herausforderungen genauso gemeistert wie Stücke, die besonders viel Ausdruckskraft erfordern.

Zwei der vier Chorkonzerte des Oster-Festivals werden von einheimischen Ensembles gestaltet – und das mit aussergewöhnlichen Programmen. So zeigte das Collegium Vocale zu
Franziskanern Luzern am Sonntag seine gesanglichen Qualitäten mit anspruchsvollen Werken von Bach, Poulenc und Messiaen.

Ulrike Grosch wagte sich mit ihrem Chor an Olivier Messiaens «Cinq Rechants», das meist von zwölf Solostimmen aufgeführt wird, und meisterte es hervorragend. Dies machte
exemplarisch deutlich, dass Luzerner Chöre sich durchaus im internationalen Festival behaupten können. Heute Abend werden die Luzerner Kantorei und der Akademiechor
Luzern zusammen mit Instrumentalisten der Hochschule Luzern Arthur Honeggers «Nicolas de Flue», ein selten zu hörendes Werk, im MaiHof aufführen.

Sänger und Instrumente ergänzen sich einfühlsam

In der ausverkauften Franziskanerkirche stimmte das Capricornus Consort Basel um den Primgeiger und künstlerischen Leiter Peter Barczi mit der Sinfonia aus Johann Sebastian
Bachs Kantate «Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir» auf die Bach-Motette «Komm, Jesu, komm» ein. Die doppelchörige Motette wurde zunächst von den Chören allein gesungen,
dann gesellten sich die Barockinstrumente hinzu und übernahmen sogar einzelne Passagen ganz.

In diesem Wechsel ergänzten sich Sänger und Instrumente einfühlsam, und in der ebenfalls doppelchörigen Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied», mit der das Konzert endete,
wurde besonders im Mittelteil deutlich, wie flexibel man mit diesen Bach-Werken umgehen kann. Da wurde der Choral «Wie sich ein Vater erbarmet» zunächst vom Barockensemble
gespielt, erst dann vom Chor gesungen und die Aria von den vier Chorsolisten darübergelegt. In der Schlussfuge entfalteten die Sängerinnen und Sänger nochmals jubelnde Strahlkraft, die
auf Ostern hinweist.

Fantasievolle Unverständlichkeit

Ganz in die Passionszeit führten Teile aus den «Quatre motets pour un temps de Pénitence» von Francis Poulenc. Leid, Angst und das Rufen um Erbarmen wurde a cappella, in dichten
Klängen homofon und ausdrucksvoll gestaltet. Man konnte Furcht und Zittern ebenso hören wie die betrübte Seele Jesu, bis hin zu den Worten des Erlösers am Kreuz. Die Sinfonia aus
der Bach-Kantate «Ich hatte viel Bekümmernis», in der die klagende Melodie zwischen Oboe (Xenia Löffler) und Solovioline wechselt, war der stimmige Übergang zu Messiaen. Diese
Lieder um Liebe und Tod, die sich bisweilen in betörend sinnliche Klänge steigern, wechseln von verständlichen Texten in die von Messiaen erfundene Sprache, «da die Liebe mit
Begriffen der sprachlichen Logik nicht zu fassen ist». Auf diese Weise wurde man in eine fantasievolle Unverständlichkeit gezogen, die durch klangliche Intensität und immer wieder
leicht abgewandelte Wiederholungen doch unmittelbar verständlich wurde.

Mit schwebend leicht geführtem Sopran sang Sophia Seemann ihre weit gespannten Melodien, auch die anderen Solisten wurden ihren kurzen Partien gerecht, aber wie der Chor
sich immer wieder von unisono in zwölf Stimmen auffächerte und alle Dissonanzen intonationssicher ausreizte, das beeindruckte.


Gerda Neunhoeffer