2016 Bendita Sabedoria Luzerner Zeitung

Der Liebesrausch flimmert wie ein Fata Morgana


Das Collegium Vocale zu Franziskanern bestätigte sich doppelt als Luzerner Qualitätschor: mit einem Programm, das Moderne-Klischees witzig und sinnlich ausräumte.

Bach und Brasilien, Weisheit und Unsinn, Liebesfeuer und Langeweile, Mystik und Folklore? Die Reizwörter, mit denen
das Collegium Vocale zu Franziskanern für sein jüngstes Konzert warb, klangen verführerisch. Festmachen
konnte man sie aber vor allem anKomponistem wie Heitor Villa-Lobos, der mit der neunten seiner Bachianas
Brasileiras das mit Abstand bekannteste Werk beisteuerte.

Denn wem sind schon Komponisten wie Alfredo Petrassi oder Jean-Yves Daniel-Lesur geläufig? Ihnen begegnet
man weit häufiger in der Musikgeschichte (Lesur etwa als Mitstreiter von Olivier Messiaen in der spirituell
orientierten Gruppe Jeune France) als im Konzertsaal.

Handgreifliche Moderne aus der Zeit des Rock 'n' Roll

Insofern war es schon ein Erfolg, dass das Programm mit Musik ausschliesslich aus den 1950er-Jahren am
Samstag die Franziskanerkirche in Luzern in der vorderen Hälfte praktisch zu füllen vermochte. Das von Ulrike
Grosch geleitete Collegium Vocale hat sich seinen Ruf als Qualitätschor eben nicht nur durch das Niveau der
aufführungen, sondern ebenso durch seine mutigen Programme erworben.

Wer sich allerdingsbeim akademisch anmutenden Konzertmotto «Bendita sabedoria» auf harte Arbeit eingestellt
hatte, wurde eines Besseren belehrt. So räumte das Konzert nicht zuletzt mit dem Klischee von der kopflastigen
Moderne nach 1945 auf und überraschte durch pointierten Witz und verschwenderische Sinnlichkeit.

Sogar das Eröffnungsstück, Heitor Villa-Lobos' «Cor dulce, cor amabile», war kein Zugeständnis an traditionelle
Geschmäcker. Die sich in altmeisterlicher Renaissance-Manier wölbenden Stimmen verwiesen vielmehr auf
archaische Wurzeln, die sich klanglich wie melodisch durch alle Werke zogen. Das Fazit: Es gab im Jahrzehnt des
Rock 'n' Roll auch in der Neuen Musik eine geradezu handgreiflich geerdete Moderne.

Eine Entdeckung wie von Mani Matter

Das schlagendste Beispiel dafür boten Goffredo Petrassis «Nonsense»-Vertonungen nach Edward Lear.
Der englische Autor liess in Fünfzeilern Alltagssituationen ins Absurde kippen - jener von der Frau, die die Spitze
ihrer immer länger werdenden Nase nicht mehr sehen kann, könnte geradezu von Mani Matter sein.

Aber Petrassi spitzt sie musikalisch zu, indem er Archaik und Avantgarde munter verbindet. Hatte der Chor in
Villa-Lobos' Eröffnungsstück mit einer Klangkultur betört, die auf wunderbar sonoren und klar zeichnenden
Bässen aufbaut, steigerte er hier tänzelnd hingetupfte Akzente, Sprechpassagen und Schreiszenarien zum
tumultuösen Volksauffauf: eine veritable Entdeckung, wie sie nur mit einem solchen Chor zu machen ist.

Das galt noch mehr für das Herzstück des auf gut eine Stunde Dauer komprimierten Programms, Daniel-Lesurs
Vertonung von Texten aus dem Hohelied, die Liebesfeuer und Mystik auch musikalisch schillernd übereinanderblenden.
Da weitete sich das Spektrum von den ganz ins Intime zurückgenommenen Soli bis hin zum
rauschhaften Taumel des Kollektivs, vom Flüsterton des eingeschobenen Miserere bis zum gebieterischen Anruf des Herrn.

Vor allem verweist das Werk in der exotischen und bis zur Extase gesteigerten Süsse des Chorklangs («La
Sulamite») an die Erotik des weiblichen Gesangs, wie ihn seinerzeit frühbarocke Komponisten in ihren Concerti
delle Donne erstmals auskosteten. Eine Musik, die mal in Flammen steht, dann wieder flimmerte wie eine Fata
Morgana in der Wüste: Das war auch ein vielversprechender Appetitanreger auf das Konzert, das der Chor am
kommenden Oster-Festival unter anderem mit Musik von Daniel-Lesurs Weggefährten Messiaen gibt.

Empfehlungen für grossformatige Werke

Heitor Villa-Lobos, der sich als roter Faden durch das Programm zog, sorgte nicht nur mit dem federnden Swing
seiner Bachiana Brasileira für einen entspannten Ausklang. Im titelgebenden Lobgesang auf die Weisheit gab er
mit seinen expressiv verdichteten Klängen dem Chor Gelegenheit, seine durchdringende Strahlkraft mit
höhensicheren Sopranen zu demonstrieren. Das verdeutlichte das enorm grosse Spektrum, in dem sich dieser
Chor bewegt und das ihn dann doch auch für grossformatige Werke empfiehlt.

Urs Mattenberger