2013 Neue Luzerner Zeitung Brittenfestival

2013 Abschluss des Britten-Chor-Festivals

 

Chöre zeigen ihr Potenzial

Vier Luzerner Topchöre vereint: Unter Stephen Smith wahrten sie in grösserer Besetzung ihre Qualitäten, ohne im KKL durch

Klangkraft zu überwältigen.

Von Urs Mattenberger

Einen solchen Chor habe er noch nie dirigiert, sagte Dirigent Stephen Smith vor dem Gemeinschaftskonzert von vier Luzerner Top-Chören gestern im KKL: «Von den reiferen Stimmen des Ensembles Corund bis hin zu den Mädchen und Knaben der Luzerner Kantorei gibt das eine unvergleichliche Mischung. Es ist ein Privileg, einen solchen Chor dirigieren zu dürfen!»

Das Privileg war im zweiten Teil des Abschlusskonzerts des Britten-Chorfestivals auch auf Seiten des Publikums. Vor der Aufführung von Brittens «Saint Nicolas»-Kantate, die alle am Konzert beteiligten Kräfte zusammenführte, wandte sich Smith ans Publikum. Denn in zwei Chorälen dürfen die Zuhörer in diesem Werk mit einstimmen. Damit das klappt, dirigierte Smith zunächst das Publikum in den beiden Stücken. Dass der Saal auf Anhieb imposant mit den Chören auf der Bühne mitsang, wurde zu einer Art Symbol für den Traum von einem Luzerner Grosschor, für den dieses Konzert nicht zuletzt stand. Es war, von Wolfgang Sieber an der KKL-Orgel und später im Werk von den engagiert mitgestaltenden Festival Strings unterstützt, ein gemeinschaftliches Klangerlebnis, das jedes herkömmliche Weihnachtssingen in den Schatten stellte.

Qualität statt Masse

Begonnen aber hatte das Konzert in bewusstem Kontrast dazu. Denn die Zusammenarbeit zwischen Corund, Collegium Vocale (Leitung Ulrike Grosch), «molto cantabile» (Andreas Felber) sowie dem Mädchenchor und den Sängerknaben der Luzerner Kantorei (Leitung: Anna-Katharina Kalmbach, Eberhard Rex) zielte nicht primär auf Masse, sondern einen Chor, der den Qualitätsanspruch dieser semiprofessionellen Ensembles auch in grösserer Besetzung (insgesamt 80 Sänger) einlöste. Die Visitenkarte dafür war zu Beginn «A Boy was Born» für gemischten Chor und Knabenchor a cappella. Lupenrein in der Intonation, mit ätherischen Farbmischungen in der visionär leuchtenden Winter-Vision und agil in dramatisch flackernden Passagen: Das waren Qualitäten, die man von allen Ensembles einzeln kennt, ohne dass die hier massvolle Aufstockung der Sängerzahl deutlich mehr an Klangkraft brachte. Gefordert war diese in der Nikolaus-Kantate, die die Lebensstationen des Heiligen dramatisch nachzeichnet. Da bestätigte sich, was man bei der punktuellen Zusammenarbeit auch anderer Chöre beobachtet: dass die grössere Zahl an Sängern nicht eine entsprechend grössere Klangkraft ergibt. Die Gefahr, dass diese durch mehr Unschärfe gar wieder verloren geht, blieb zwar gebannt. Der Chorklang verband zusätzliche Fülle mit Transparenz und Präzision, blieb aber an Durchschlagskraft hinter heftigen Schlagzeuggewittern zurück. Höhepunkte waren Momente, in denen Teilchöre in charakterstarken Bildern zu hören waren – vorab die strahlkräftigen Frauenstimmen auf der Bühne und der Orgelempore. Auch solch szenischen Einbezügen des Raums verdankte die Aufführung eine handfeste Dramatik. Die Luzerner Sängerknaben mischten dem Gesamtchor nicht nur ihre engelhaften Farben bei. Als drei Solisten vom hinteren Saaleingang singend durchs Publikum schritten, wurde eines der Nikolauswunder – die Erweckung der drei Knaben – anrührend vergegenwärtigt.

Ein Nikolause aus Fleisch und Blut

Die dramatische Hauptrolle aber spielte der Tenor Mauro Peter. Der junge Luzerner, der eine vielversprechende internationale Karriere lanciert hat, machte aus diesem Nikolaus einen Menschen aus Fleisch und Blut: mit einer Stimme, die in der dramatischen Erregung leidenschaftlich-dunkle Farben hat und in der Höhe hell und geschmeidig schwebt und strömt. Dass Peter einst bei den Luzerner Singknaben angefangen hat, zeigt, zu welchen Resultaten eine kontinuierliche Aufbauarbeit führen kann. Das dürfte auch für solche Gemeinschaftsprojekte von Ensembles mit unterschiedlicher Chorkultur gelten. Dafür war diese exemplarische Britten-Zusammenarbeit, die auch im Verbund die Qualitäten der Ensembles wahrte und so ihr Potenzial bewies, ein vielversprechender Auftakt.